Baumschädigungen durch Coop-Baustelle in Kiel-Gaarden

Baumschutz geht anders. Geschädigte Winter-Linde in der Heischstraße.
Baumschutz geht anders. Geschädigte Winter-Linde in der Heischstraße.
Die Baustelle von Coop im Stadtteil Gaarden wird begrenzt durch Teile der Straßen Heischstraße, Bielenbergstraße, Theodor-Heuss-Ring und Sörensenstraße. Wer lernen möchte , was man beim Baumschutz auf Baustellen alles falsch machen kann, findet hier reichlich Ausbildungsmaterial. Didaktisch hat der Ort also eine hohe Wertigkeit. Es sind die Klassiker – seit Jahrzehnten und überall in Kiel und überall in anderen Städten: Symbolischer Baumschutz durch unmittelbaren Stammschutz gegen mechanische Beschädigung (hier: Drainrohr und Holz) wird artig aufgebaut.

Danach (und wahrscheinlich auch schon vorher) wird sehr vieles sehr falsch gemacht.
Die auf dem Foto abgebildete Winter-Linde (Tilia cordata Mill.) durfte fast alles der nachfolgend gelisteten unvollständigen Auswahl an Baumschädigungen erleben. Alle Punkte der Liste sind auf der Baustelle zu finden und in unterschiedlicher Gewichtung auf die gesamten Grünflächenbereiche verteilt:

Mutmaßlich maschinelle Aufgrabung im Wurzelbereich. Im Sinne des Baumschutzes ist nur die händische Arbeit (Spaten, Schaufel) zulässig. Dabei auftretende Wurzeln sind ggf. mit einem sauberen (desinfizierten) und scharfen Schneidwerkzeug zu trennen – Motorsägen und dgl. sind unzulässig. Dadurch massive Schädigung des Feinwurzelsystems und massenhaft Wurzelabrisse.

– Leerer Bewässerungsbeutel an Baum und keine erkennbare Wasserversorgung trotz extremer Hitze und baubedingter eingeschränkter Wasseraufnahmefähigkeit der Gehölze.

Keine Wund-Versorgung verletzter Baumwurzeln.

Keine Abdeckung offengelegter Wurzeln auch Wochen(?) nach der Aufgrabung – in einem der heißesten Sommer, die Schleswig-Holstein je erlebte. Fördert Trockenheitsstress u.a.m.

Bodenverdichtung durch Befahren und Abstellen schwerer Dinge. Gestörter Gasaustausch und geringere Wasseraufnahmefähigkeit des Bodens

Aufschüttungen von Substraten, Wegebaumaterialien. Wasserablaufverhalten wird verstärkt, pH-Wert des Bodens verändert

Ablagerung von pflanzen- und bodentoxischen Stoffen wie Betonresten und Abfällen verschiedener Art. Bedeutet eine direkte Giftwirkung auf den Baum und für das Bodenleben.

– Nutzung des Wurzelbereiches für Baustofflagerung. U.a. wird der Gasaustausch im Boden gestört

Abstellen von Baustelleninfrastruktur wie etwa Toilettenhäuschen im Wurzelbereich. U.a. wird dadurch die Wasseraufnahmefähigkeit des Bodens reduziert.

Eintrag von Feinststoffen aus baustellennaher Lagerung von Baustoffen. Die auf dem Fußweg bzw. Parkstreifen gelagerte Wegebau-Splitt-Körnung ist wahrscheinlich Jelsa-Granodiorit mit einem pH-Wert von etwa 7,7 in den Feinststoffanteilen („0“ – <0,063 mm). Anders als viele Granite, die überwiegend leicht sauer sind, schlägt die Gesteinsart in den alkalischen Bereich. Eine leichte pH-Wert-Anhebung in den wahrscheinlich leicht sauren (maximal neutralen) Böden ist wahrscheinlich. Gewichtiger als als diese pH-Wert-Anhebung ist möglicherweise die mögliche Verschlämmung durch die Feinststoffe. Was auf einem Sandboden gartenbaulich betrachtet positiv wirken könnte, würde auf einem Lehmboden zu Porenverstopfung und damit zu Sauerstoff- und Staunässeproblemen führen können. Probleme können aber auch entstehen durch den Eintrag der gröberen Splittanteile.

Wegebau-Splitt wandert vom Fußweg in die Vegetationsfläche und damit in die Wurzelbereiche. Bielenbergstraße.
Wegebau-Splitt wandert vom Fußweg bzw. Parkstreifen in die Vegetationsfläche und damit in die Wurzelbereiche. Bielenbergstraße. Wahrscheinlich Jelsa-Granodiorit, der einen pH-Wert von etwa 7,5 bis 7,9 hat und den wahrscheinlich sauren bis maximal neutralen Boden im pH-Wert leicht anhebt.
Wenn ich das alles sehe, stellt sich mir die Frage, was wohl in den Bereichen passiert ist, die schon verdeckt sind, beispielsweise am Theodor-Heuss-Ring. Dort sind die abgegrabenen Wurzelbereiche schon mit Betonwänden verdeckt. Wurde dort von Hand gegraben? Wurden die Wurzeln fachgerecht geschnitten? Wurden Schutzmaßnahmen gegen Austrocknung getroffen? usw. usw.

All diese Dinge schädigen Baumwurzeln mit oft dramatischen Folgen. Ihre Wirkung zeigt sich meist erst nach Jahren in Krankheitsbildern oder gar Absterben. Handelt es sich dabei um kommunale Bäume werden – sofern es sich um eine private Baustelle handelt – die Kosten und Schäden vergesellschaftet. Dabei geht es nicht nur um den Wertverlust des Baumes als solchen, der früher eintritt als es sein müsste. Auch die „Dienstleistungen“, die ein Baum für uns alle und die Lebensgemeinschaften erbringt werden geschmälert: Sauerstoffproduktion, Kohlenstoffbindung, Kühlungseffekte durch Verdunstung und Schatten, Lärmminderung, Staubbindung u.v.a.m..
In einer volkswirtschaftlichen Betrachtungsweise ein enormes Verlustgeschäft für die Gesellschaft.

Ich habe die Baustelle im Zusammenhang mit einer Führung des Büro Soziale Stadt besucht. Die Referentin erwähnte in ihrem Vortrag, dass der auf dem 1. Foto dargestellte Baum baurechtlich zum Erhalt festgesetzt sei. Details zu dieser Baustelle habe ich nicht recherchiert. Wenn die Aussage zutreffend ist und die Bäume nicht „zur Vernichtung freigegeben“ sind (was auch der „formale Baumschutz“ nahelegt) liegt auf jeden Fall ein Verstoß gegen die Baumschutzverordnung der LH Kiel vor.

Gaarden ist einer der am dichtesten besiedelsten Stadtteile Kiel und hat pro Einwohner:in eine der schlechtesten Grünflächenversorgungen (Grünflächenkoeffizient). Trotzdem wird seit Jahren eine Grünfläche nach der anderen nachverdichtet mit verbleibendem minimalen Grünflächenanteil.

Das Coop-Projekt stellt für Teile von Gaarden eine wichtige Hitze-Brücke da: Zusammen mit dem auf der anderen Seite des Theodor-Heuss-Ring gelegenen Gewerbegebiet bildet es einen großen Hitze-Hotspot. Ich bin wenig zuversichtlich, dass die neue Bebauung durch Coop diesen Hitzepunkt abmildert. Jedenfalls lässt der Umgang mit dem Vorhanden Baumbestand bzw. den Grünflächen nicht erkennen, dass das Unternehmen das Thema verstanden hat und ernst nimmt. Mehr Verantwortungübernahme für den Stadtteil und die Gesellschaft wäre wünschenswert.

Landesbauordnung Schleswig-Holstein – LBO

Als Anregung zum Nachdenken zwei kurze Auszüge aus der LBO 2024.

§ 3
Allgemeine Anforderungen

(1) Bei der Planung, Errichtung, Änderung und Nutzungsänderung baulicher Anlagen und der Gestaltung von Grundstücken ist auf den Schutz der natürlichen Grundlagen des Lebens sowie auf die besonderen Belange von Familien mit Kindern, von alten Menschen sowie Menschen mit Behinderungen durch den Grundsatz barrierefreien Bauens Rücksicht zu nehmen.

(2) Anlagen sind so anzuordnen, zu errichten, zu ändern und instand zu halten, dass die öffentliche Sicherheit, insbesondere Leben, Gesundheit, nicht gefährdet werden und keine unzumutbaren Belästigungen entstehen; dabei sind die Grundanforderungen an Bauwerke gemäß Anhang I der Verordnung (EU) Nummer 305/2011 zu berücksichtigen.

(3) Die der Wahrung der Anforderungen nach Absatz 2 dienenden allgemeinen anerkannten Regeln der Technik sind zu beachten. Von diesen Regeln kann abgewichen werden, wenn mit einer anderen Lösung in gleichem Maße nachweislich die allgemeinen Anforderungen des Absatzes 2 erfüllt werden. Als allgemein anerkannte Regeln der Technik gelten auch die von der obersten Bauaufsichtsbehörde durch Verwaltungsvorschrift als technische Baubestimmungen eingeführten technischen Regeln.(…)

§ 56
Bauleiterin oder Bauleiter

(1) Die Bauleiterin oder der Bauleiter hat darüber zu wachen, dass die Baumaßnahme entsprechend den öffentlich-rechtlichen Anforderungen durchgeführt wird, und die dafür erforderlichen Weisungen zu erteilen. Sie oder er hat im Rahmen dieser Aufgabe auf den sicheren bautechnischen Betrieb der Baustelle, insbesondere auf das gefahrlose Ineinandergreifen der Arbeiten der Unternehmerinnen oder Unternehmer, zu achten. Die Verantwortlichkeit der Unternehmerinnen oder Unternehmer bleibt unberührt.(…)

Beispiele für Baumschädigungen

die jedes Jahr in Kiel stattfinden und in allen Stadtteilen zu finden sind. Leider nicht nur in Kiel, sondern in allen Städten von Flensburg bis München. Dänemark kann das auch. Und Italien. Und Holland, Österreich, Frankreich und Belgien. Und da war noch ein Land glaube ich – aber es fällt mir partout nicht ein… ;-)

Ich gebe es zu: Ich habe etwas gemogelt: Ich habe gar keine Statistik über alle deutschen Städte. Ich habe einfach von meiner Beobachtung in allen bisher von mir besuchten deutschen Städten geschlossen: Brokdorf ist überall…. Ach nee, das war was anderes:

Baum-Frevel ist überall… – eine minimalistische Auswahl:

  • Wik 2020: Rudimentärer Baumschutz bei Erdarbeiten im Wurzelbereich von Rot-Buche
  • Gaarden 2016: Baustoffablagerung und Bodenverdichtung mögen Bäume gar nicht
  • Düsternbrook 2016: Todsicher: Baustofflagerungen unter Rot-Buchen
  • Südfriedhof/Schreventeich 2015: Baumschäden durch Tiefbauarbeiten im Hasseldieksdammer Weg in Kiel
  • Gaarden-Süd/Kronsburg 2011: Erneute Anzeige gegen SAW wegen Baumzerstörung im Vieburger Gehölz
  • Österreich“ 2001: Artikel v. G.Dietrich aus österreichischer Perspektive: Armer Stadtbaum
  • ……………………………………überall dasselbe: seit Jahrzehnten…

    Schreibe einen Kommentar