Armer Stadtbaum

Wohl kaum ein grünes Thema wird so emotional diskutiert wie die Straßenbäume.
Um Stadtbäume wird seitens der Bevölkerung mit Eifer gekämpft. Starker Baumschnitt läßt bei den zuständigen Stellen die Telefone heißlaufen, Fällungen führen rasch zu Protestaktionen. Oft sind sie unberechtigt, aber durchaus nicht immer. Manche Baumschnittmaßnahmen sind wirklich sehr brutal. Fällungen werden hingegen selten unnötigerweise durchgeführt. Auch ist es nicht immer sinnvoll, einen alten, verletzten Baum zu sanieren, wenn ein junger schneller und besser seine Funktion erfüllt. Soll z.B. eine Feuermauer abgedeckt werden, so führt ein junger, kräftig wachsender Baum schneller zum Erfolg als wenn ein alter beschädigter Baum soweit saniert wird, daß er wieder groß und dicht genug werden kann.
Wo der Baum keine Deckungsfunktion hat, ist es dagegen oft besser, einen alten Baum zu sanieren. Zwar ist das teurer, aber alte Bäume waren schon immer Symbol des Lebens und werden von uns als etwas besonderes und ästhetisches empfunden. Aber trotzdem ist es nicht immer möglich. Weichhölzer, wie Weiden oder Pappeln, können schon in gesundem Zustand bei heftigem Wind leicht Äste verlieren und dadurch eine Gefahr darstellen. In Deutschland werden nach einer Flut von Klagen wegen Schäden durch herabfallende Äste kaum mehr Pappeln gepflanzt. Bei alten Bäumen, vor allem wenn sie durch verschiedene Pilze teilweise morsch sind, ist Astbruch auch bei Harthölzern häufig und stellt durch das höhere Gewicht der Äste auch eine höhere Gefahr dar. Alte Bäume wie Weichhölzer erfordern daher einen höheren Pflegeaufwand, sind also teurer.

Heimisches oder Exoten?
Die verwendeten Baumarten werden zunehmend auch kontroversiell diskutiert. Heimische Bäume werden von der „Öko-„Fraktion gefordert, Exoten werden von Planern bevorzugt. Nahrung für die heimische Tierwelt wollen die Einen, die Stadt sei eben keine Wildnis und es komme nur Ungeziefer, meinen die Anderen. Exoten böten heimischen Schädlingen keine Nahrung seien daher wegen weniger Pestizideinsatz umweltfreundlicher. Pestizide werden aber bei uns sowieso kaum verwendet. Auch seien heimische Bäume dem Stadtklima nicht gewachsen. Das trifft zwar auf die meisten heimischen Arten zu, gilt aber auch für die Mehrzahl der Exoten. Andererseits bringen Exoten oft gravierende Probleme für heimische Ökosysteme mit sich, vor allem wenn sie der menschlichen Obhut entkommen. Ich finde, gerade weil die Stadt keine Wildnis ist, sollten durch heimische Bäume kleine Inseln des Lebens geschaffen werden. Eine ausgewogene Verwendung heimischer und exotischer Arten unter Ausschluß unserer Natur gefährlich werdender Arten erscheint mir am sinnvollsten.
Standortfaktoren

Durch den Streß, dem Bäume durch die Standortsbedingungen ausgesetzt sind, werden sie anfälliger gegen Schädlinge und Krankheiten. Diese haben in der ausgeräumten Stadtlandschaft mehr Chancen als ihre Antagonisten, die Nützlinge, die höhere Ansprüche an den Lebensraum stellen. Exotische Bäume sind bei richtiger Auswahl für unsere Insekten ungenießbar. Wenn dann aber ein Schädling eingeführt wird – und das passiert beim internationalen Verkehr sicher irgendwann – und er sich akklimatisieren kann, so kommt es durch fehlende Antagonisten zur Massenvermehrung. Ganze Alleen können dadurch zerstört werden. Daher ist eines wichtig: Vielfalt. Wenn verschiedenste Arten, heimische wie Exoten, gepflanzt werden, wird die Ausbreitung der Schädlinge einer der Arten gebremst und außerdem wird der Baumbestand durch Epidemien nicht so stark getroffen, als wenn nur wenige Arten den gesamten Baumbestand bilden. Es ergibt sich dadurch ein bunteres Stadtbild, wobei aber Straßenzüge eher einheitlich bepflanzt werden sollten, sonst wird das Bild zu unruhig. Heimische Arten sind unbedingt auch zu berücksichtigen.
Auswahlkriterien
Auch darf man das Ziel der Bepflanzung nicht vergessen. Barcelona beispielsweise ist die Stadt der Platanen und gilt daher als angenehm kühl für eine mediterrane Stadt. Die Platane (Platanus x hispanica) ist eine Hybride unbekannter Herkunft, und hat sich durch besondere Stadtfestigkeit und eine recht hohe Verdunstungs- und Luftreinigungsrate als sehr günstig für das Stadtklima erwiesen. Die Gleditschie (Gleditsia triacanthos) hingegen verdunstet wenig Wasser, kühlt daher auch kaum und ist in ihrer Wildform noch durch wenig dichte Schirmkronen gekennzeichnet, die kaum Schatten spenden. Große versiegelte Flächen, wie sie auf breiten Einkaufsstraßen zu finden sind, heizen die Luft im Sommer ordentlich auf. Will man Kühlung erreichen, so ist die Platane der Baum der Wahl, Hitzeanbeter werden sich für die Gleditschie entscheiden. Während in Spanien Kühlung gewünscht wird, bevorzugt man im Nordosten der USA die Gleditschie. In Wien wird die Gleditschie zum Ärger vieler Schattbäume bevorzugender AnrainerInnen, aber als Kompromiß mit den Geschäftsleuten in Einkaufsstraßen verwendet. Geschäftsleute wollen ihre bunten Werbeschilder nicht von Bäumen verdeckt wissen. Gleditschien wachsen locker genug, daß die Schilder weithin sichtbar bleiben.
Schadbäume?

Schleichender Tod

Verhungern am gedeckten Tisch?
Reichblühende, angenehm duftende Stadtbäume für etwas schattigere Straßenzüge sind die Linden. Etwas trockenheitsresistenter als die heimischen Arten ist die Silber-Linde (Tilia tomentosa). Sie hat nach alten Theorien aber einen gravierenden Nachteil: Ihr Nektar enthält Mannose, einen für unsere Hummeln und die meisten heimischen Bienenarten unverdaulichen Zucker. Die Tiere fressen und fressen – und verhungern dennoch. Vor allem dort, wo Stadtgärtner auf die Bestäubung ihres Fruchtgemüses hoffen, ist der Verlust auch ein wirtschaftlicher. Kluge Vorschläge, man müsse nur genügend andere Nektarblumen in die Umgebung pflanzen, zeugen von geringer Kenntnis der Biologie der Tiere. Bienen und Hummeln probieren in den ersten Lebenstagen im Freien verschiedene Blumen aus. Haben sie erst einmal eine Art gefunden, in der sie regelmäßig Nektar finden, so bleiben sie dieser treu, bis sie verblüht ist, oder das Tier stirbt. Wie soll eine Biene bei vollem Bauch auch merken, daß sie verhungert? Ihre Schwächung auf die Nahrungsmittelwahl zurückzuführen sind die Tiere nicht hoch genug entwickelt.
Allerdings besagen neuere Theorien, daß tote Hummeln unter Silber-Linden nur darauf zurückzuführen seien, daß schon zuvor Futtermangel herrsche, und die Tiere die rettende Futterquelle Linde nur zu spät erreichen. Es wird sogar empfohlen, deswegen mehr dieser Bäume zu pflanzen.
Sei es wie es sei: Es sollten andere Trachtpflanzen gepflanzt werden. Die Pflanzung von Silber-Linden kann aus Naturschutzgründen keineswegs beführwortet werden! Die Art hybridisiert mit den heimischen Arten, die durch Zerstörung der primären Lebensräume und die Vermischung als Kulturbäume bzw. durch zu nahe Pflanzung an Wildbeständen der anderen Art sowieso schon unter massivem Introgressionsdruck leiden.
Durch seine hohe Fruchtbarkeit und Tendenz baumfreie, gefährdete Lebensräume wie Trocken- und Halbtrockenrasen mittels Ausläufern rasch zu erobern ist auch der Götterbaum (Ailanthus altissima) eher zu den Unhölzern zu zählen.