Ferdinand von Saar: Das Sonett

Ferdinand von Saar
(* 30. September 1833 in Wien bis † 24. Juli 1906 in Wien)

Das Sonett

Ein Labyrinth mit holdverschlung’nen Gängen
Hat dem Gedanken still sich aufgeschlossen;
Er tritt hinein – und wird sogleich umflossen
Von Glanz und Duft und zauberischen Klängen.
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Stefan George: Danksagung

Stefan George
(* 12. Juli 1868 in Büdesheim bis † 4. Dezember 1933 in Locarno)

Danksagung

Die sommerwiese dürrt von arger flamme.
Auf einem uferpfad zertretnen klees
Sah ich mein haupt umwirrt von zähem schlamme
Im fluss trübrot von ferner donner grimm.
Nach irren nächten sind die morgen schlimm:
Die teuren gärten wurden dumpfe pferche
Mit bäumen voll unzeitig giftigen schneees
Und hoffnungslosen tones stieg die lerche.
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Robert Eduard Prutz: Wo sind die Lerchen hingeflogen

Robert Eduard Prutz
(* 30. Mai 1816 in Stettin bis † 21. Juni 1872 Stettin)

Wo sind die Lerchen hingeflogen

Wo sind die Lerchen hingeflogen,
die sonst den jungen Tag begrüßt?
Hoch schweben sie am Himmelsbogen,
von Morgenlüftchen wach geküßt:
Es floß ein Regen süßer Lieder
herab auf die beglückte Welt,
und alle Herzen tönten wieder,
und jedes fühlte sich ein Held.
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Gertrud Kolmar: Liebende

Gertrud Kolmar
(geboren am 10. Dezember 1894 in Berlin; ermordet Anfang März 1943 in Auschwitz)

Liebende

Ihre Leiber standen in den Abendschatten licht,
Schmal und hoch, von schimmerloser Bleiche:
Blütenzweig, den Lieb für Liebe bricht,
Wind gewiegt und Tau geküßt am Teiche.
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Gottlieb Konrad Pfeffel: Der Apfelbaum

Gottlieb Konrad Pfeffel

Der Apfelbaum

In eines Bauers Garten stand
Ein schöner Apfelbaum; doch neigten Hang und Winde
Und Alter ihn zu weit nach linker Hand.
Der Bauer sahs; berief sein Hausgesinde,
Und hielt geheimen Rat. In diesem ward erkannt:
Den Baum mit umgelegten Stricken
Und mit vereinter Kraft ins Gleichgewicht zu rücken.
Man schritt zum Werk, das rasch von Statten ging.
Kein Wunder, zwanzig Ärzte zogen
So derb, daß sie den Stamm noch mehr zur Rechten bogen,
Als er zuvor sich nach der Linken hing.
Zum Teufel! fluchte Kunz, ihr seid so dumm als Pferde,
Der Baum soll aufrecht stehn. Nun schritten klein und groß
Zur zweiten Kur; allein die Wurzeln rissen los
Und krachend fiel der Baum zur Erde.

(1791)

Joseph Freiherr von Eichendorff: Nachtigall

Joseph Freiherr von Eichendorff

Nachtigall

Nach den schönen Frühlingstagen,
Wenn die blauen Lüfte wehen,
Wünsche mit dem Flügel schlagen
Und im Grünen Amor zielt,
Bleibt ein Jauchzen auf den Höhen;
Und ein Wetterleuchten spielt
Aus der Ferne durch die Bäume
Wunderbar die ganze Nacht,
Daß die Nachtigall erwacht,
Von den irren Widerscheinen,
Und durch alle sel’ge Gründe
In der Einsamkeit verkünde,
Was sie alle, alle meinen:
Dieses Rauschen in den Bäumen
Und der Mensch in dunklen Träumen.