Hans Schiebelhuth: Frohvogel

Hans Schiebelhuth
(* 11. Oktober 1895 in Darmstadt bis † 14. Januar 1944 in East Hampton, New York)

Frohvogel

Mein Frohvogel war mir entflogen,
Gar traurig schien da die Welt.
Erst dacht‘ ich, er hat nur verzogen
Und kommt wieder, sobalds ihm gefällt.
Doch war und blieb er verschwunden;
So lief ich zum Zeitverleih
Und borgte mir zehntausend Stunden,
Ihn suchen, wo er auch sei.
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Margarete Beutler: Als ich ein Zimmer verließ

Margarete Beutler
* 13. Januar 1876 in Gollnow bis † 3. Juni 1949 in Gammertingen

Als ich ein Zimmer verließ

Du lieber Raum, nun müssen wir uns trennen!
Ins Fenster grüßt die schlanke Rosenranke
noch einmal wie ein glücklicher Gedanke
aus Tagen, die mich ganz ihr eigen nennen.
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Sophie Mereau: An einen Baum am Spalier

Sophie Mereau
(* 27. März 1770 † 31. Oktober 1806)

An einen Baum am Spalier

Armer Baum! – an deiner kalten Mauer
festgebunden, stehst du traurig da,
fühlest kaum den Zephyr, der mit süßem Schauer
in den Blättern freier Bäume weilt
und bey deinen leicht vorübereilt.
O! dein Anblick geht mir nah!
und die bilderreiche Phantasie
stellt mit ihrer flüchtigen Magie
eine menschliche Gestalt schnell vor mich hin,
die, auf ewig von dem freien Sinn
der natur entfernt, ein fremder Drang
auch wie dich in steife Formen zwang.

Maria Luise Weissmann: Gesammelte Dichtungen | Verlornes Ithaka

Maria Luise Weissmann
(* 20. August 1899 in Schweinfurt bis † 7. November 1929 in München)

Verlornes Ithaka

Die Frau der Gegenwart entstammt einem Geschlecht, das eine unbekannte Vergangenheit hat. Es ist da, nicht wie eine neue Generation da zu sein pflegte, abhängig noch in der Verneinung der früheren, vorgeschoben wie eine Stufe, die mit der Hälfte ihres Gewichtes auf der Grundlage des Aufbaus ruht, – es ist da mit dem plötzlichen Dasein einer Erscheinung, traditionslos wie das Genie und ohne Gewähr für die Zukunft.
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Hedwig Lachmann: Spaziergang

Hedwig Lachmann
(* 29. August 1865 Stolp (Pommern) bis † 21. Februar 1918 in Krumbach)

Spaziergang

Die Sonne steht schon tief. Wir scheiden bald.
Leis sprüht der Regen. Horch! Die Meise klagt.
Wie dunkel und verschwiegen ist der Wald!
Du hast das tiefste Wort mir nicht gesagt.-
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Friedrich Güll: Pflaumenregen

Friedrich Güll
(1812-1879)

Pflaumenregen

Es steht ein Baum im Garten,
von Pflaumen voll und schwer.
Die Kinder drunten warten
und lauschen ringsumher,
ob nicht der Wind ihn rüttelt
und all die Pflaumen schüttelt,
daß alle purzeln kreuz und quer.
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