Paula Dehmel: Ich bin der Juli

Paula Dehmel (1862-1918)

Ich bin der Juli

Grüß Gott! Erlaubt mir, dass ich sitze.
Ich bin der Juli, spürt ihr die Hitze?
Kaum weiß ich, was ich noch schaffen soll,
die Ähren sind zum Bersten voll;
reif sind die Beeren, die blauen und roten,
saftig sind Rüben und Bohnen und Schoten.
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Wilhelm Müller: Große Wanderschaft

Wilhelm Müller
(* 7. Oktober 1794 in Dessau bis † 1. Oktober 1827 Dessau)

Große Wanderschaft

Wandern, wandern!
Gestern dort und heute hier;
Morgen, wohin ziehen wir?
Wandern, wandern!
Wißt ihr wohl das Losungswort,
Das die Welt treibt fort und fort?
Wandern, wandern!
Sehet Sonne, Mond und Sterne,
Wie die wandern all‘ so gerne!
Wandern, wandern!
Auch die Erde macht sich auf
Alle Jahr‘ zum frischen Lauf.
Wandern, wandern!
Ei, so laß das Sitzen sein,
Mensch, du mußt doch hinterdrein!
Wandern, wandern!
Kind und Jüngling, Mann und Greis,
Also heißt die Lebensreis‘.
Wandern, wandern!
Ei, wie schöne Kompanei!
Fürstengunst und Frauentreu‘!
Wandern, wandern!
Frau Fortuna führt uns an,
Amor ist der zweite Mann.
Wandern, wandern!
Auch die Musen könnt ihr sehn
All‘ in Reiseschuhen gehn.
Wandern, wandern!
Mars fährt auf Aprillenwetter,
Laune heißt des Ruhmes Vetter.
Wandern, wandern!
Liebes Herz, so zieh‘ nur mit,
Halte wacker Schritt und Tritt!
Wandern, wandern!
Heute hier und morgen dort,
Und zu Haus an jedem Ort.
Wandern, wandern!
Regen, Sturm und Sonnenschein,
Rebensaft und Gerstenwein.
Wandern, wandern!
Heute blond und morgen braun
Ist mein Schätzchen anzuschaun.
Wandern, wandern!
Kalt und warm und schlicht und kraus,
Bienenschwarm und Schneckenhaus.
Wandern, wandern!
Heut‘ hab‘ ich dies Lied erdacht,
Morgen wird es ausgelacht.
Wandern, wandern!

Maria Luise Weissmann: Aus einer Kindheit [Fragment]

Maria Luise Weissmann
(* 20. August 1899 in Schweinfurt bis † 7. November 1929 in München)

Aus einer Kindheit

[Fragment]

ICH HEISSE LUNA.
… Vorhin spielten wir Überfall. Wir bewohnen in Frieden das Gartenhaus, abgelegene Villa irgendwo, bis meinen Mann ein Telegramm zur Reise nötigt. Ich bleibe zurück mit den zwei Dienern, die zum Schutz mir überlassen sind. Die Gegend sei unsicher und die Reise könne lange dauern, hat mein Mann beim Abschied mit einem Lächeln gesagt, das ich leise in meinen Haarwurzeln spüre. Nachts liege ich fünf Minuten auf der Holzbank und denke an dieses Lächeln, während draußen der Kies knirscht, der Park unendlich sich breitet. In der dritten Nacht dann geschieht es. Ich höre wieder den Kies, dann knacken Zweige, ein Stoß öffnet die Tür, eh ich noch meine Diener geweckt habe, die in einer Ecke aneinander gelehnt unwahrscheinlich laut schnarchen. Georg in seinem umgewendeten Matrosenkittel ist entsetzlich, wie er mit Geheul zur Tür herein auf mich stürzt. Die Diener entsinnen sich ihrer Pflicht und heben zögernd den Arm. Aber schon zuckt der hölzerne Dolch in Georgs brauner Faust nach ihnen, nach mir: im Vollbringen noch dieser blitzschnellen Bewegung, die sich nur entfernt nach der Richtung unserer Körper wendet, hat er, unterbrochen von satanischem Triumphgeheul, ein-, zwei-, dreimal gerufen: futsch! – futsch! – futsch! –
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Rainer Maria Rilke: Der Knabe

Rainer Maria Rilke
(* 4. Dezember 1875 in Prag bis † 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz)

Der Knabe

Ich möchte einer werden so wie die,
die durch die Nacht mit wilden Pferden fahren,
mit Fackeln, die gleich aufgegangnen Haaren
in ihres Jagens großem Winde wehn.
Vorn möcht ich stehen wie in einem Kahne,
groß und wie eine Fahne aufgerollt.
Dunkel, aber mit einem Helm von Gold,
der unruhig glänzt. Und hinter mir gereiht
zehn Männer aus derselben Dunkelheit
mit Helmen, die, wie meiner, unstät sind,
bald klar wie Glas, bald dunkel, alt und blind.
Und einer steht bei mir und bläst uns Raum
mit der Trompete, welche blitzt und schreit,
und bläst uns eine schwarze Einsamkeit,
durch die wir rasen wie ein rascher Traum:
Die Häuser fallen hinter uns ins Knie,
die Gassen biegen sich uns schief entgegen,
die Plätze weichen aus: wir fassen sie,
und unsre Rosse rauschen wie ein Regen.