Kiel. Failing. City. – Kreuzfahrtschiff von Colorline

Kiel Failing City - Kreuzfahrtschiff von Colorline
Kiel Failing City – Kreuzfahrtschiff von Colorline
Warnung: Nachfolgender Text enthält Spuren von Satire und Realsatire und kann Haut- und andere Irritationen hervorrufen:

Es geht nicht nur um Kreuzfahrtschiffe sondern auch um unsere hoch geschätzte Dreifeldzugklappbrücke oder auch: Hörnbrücke.

Eine der Fehlsteuerungen der Stadtentwicklung in Kiel: Kreuzfahrtschiffe, die eine sehr schlechte Ökobilanz haben, besuchen regelmäßig die Landeshauptstadt. Kulturell und wirtschaftlich bringen sie der Landeshauptstadt wenig.
Während der kurzen Liegezeiten verlassen viele Urlauber:innen das Schiff gar nicht. Von denen, die es tun, sind viele dann mit dem direkten Shuttle zu Citti unterwegs. Dort werden sie ausgespuckt und kaufen Schnaps und ähnliche gesellschaftlich nützliche Produkte. Danach gehts gleich wieder auf den Kreuzfahrer.

Es gibt aber auch andere: Die Gruppe derjenigen, die eher das Abenteuer suchen. Sie spalten sich vor allem in zwei Fraktionen: Einerseits diejenigen, die auf volles Risiko gehen und lediglich mit Brieftasche und Rucksack oder Handtasche ausgerüstet die Umgebung ihres Liegeplatzes erkunden.

Auffälliger ist die zweite Gruppe, die einen Rollkoffer hinter sich herziehend das kurze Zeitfenster nutzt, diesen Rollkoffer der staunenden Kieler Öffentlichkeit zu präsentieren. In zum Teil atemberaubender Geschwindigkeit werden die umfänglichen Zaunanlagen Kiels z.B. an der Kaistraße erkundet.

Dieser kulturelle Impact wird nicht von allen Menschen in Kiel angemessen wertgeschätzt. Zu unrecht: Ich bin ein Mensch, der Vielfalt schätzt und egal wie man die Kreuzfahrer:innen sieht – sie stehen für Vielfalt. Man wird in Schleswig-Holstein lange suchen müssen, einen derartigen Regenbogen an Farbe, Form und Größe bei Hartschalenkoffern zu finden. Und alles aus dem Segment Restposten, Low-Budget bis hin zur Mittelklasse. Deswegen versammeln sich am St. Martinstag manchmal kleine Sangesgruppen begeisterter Kieler:innen und stimmen insbrünstig an:
„Rote, gelbe, grüne, blaue –
lieber Martin komm‘ und schaue!“

Diese Sangeskunst kombiniert mit den schönen Rollgeräuschen der Kofferräder, wenn sie sanft das Hartplastik des Bodenbelages der Brücke streicheln, hat zur Entstehung einer neuartigen Musikrichtung geführt, die regelmäßig Interessierte aus aller Welt nach Kiel lockt.

Unbestätigten Gerüchten zufolge soll es innerhalb wichtiger Kreise der Kieler Lokalpolitik die Absicht zur Errichtung eines Hartschalen-Koffer-Museums geben. Das wäre wirklich wunderbar, denn es wäre ein Alleinstellungsmerkmal für die Landeshauptstadt. Und Alleinstellungsmerkmale sind unglaublich wichtig für eine Stadt.

Schöne Fjorde gibt’s einige in Europa, aber wer interessiert sich für die Natur, wenn es auch Hartplastik zu bestaunen gibt? Mittlerweile haben sich in mehreren Stadtteilen Basis-Inititativen gegründet, die mittels eines Bürgerbegehrens die Museumspläne vorantreiben wollen und auch ein Antrag auf Anerkennung als Weltkulturerbe ist angedacht.

Klappbrücke an der Hörn - Klappt oft nicht
Klappbrücke an der Hörn – Klappt oft nicht
Die Kieler:innen haben mit Alleinstellungsmerkmalen Erfahrung: Legendär die Hörnbrücke: Die einzige Dreifeldzugklappbrücke – weltweit! Auch durch die extrem hohen Erstellungskosten und die gradezu explodierenden Wartungs- und Unterhaltungskosten ließen sich die mutigen Kieler Entscheider:innen nicht beirren.

Was anfangs von der Mehrheit der Kielerinnen und Kieler abgelehnt wurde, findet heute ungeteilte Zustimmung. Der Pioniergeist wurde und wird geschätzt: dass man einen Experimentalbau in früher Beta-Phase zu verstetigen versucht – seit mittlerweile rund 20 Jahren.
Zwei Jahrzehnte flossen Millionen in dieses Kleinod deutscher Planungs- und Ingenieurskunst. Und tatsächlich hat sie gelegentlich Tage oder sogar Wochen störungsarm funktioniert.

Großer Dank gebührt nicht nur der vorausschauenden Kieler Kommunalpolitik sondern auch insbesondere (Zitat Wikipedia): „Geplant wurde die Brücke von Volkwin Marg von der Architektengemeinschaft Gerkan, Marg und Partner und Jörg Schlaich vom Ingenieurbüro Schlaich Bergermann und Partner.“
Eine echte Leistung, die sich gelohnt hat. Für nur rund 20 Millionen DM (nicht: Euro) Erstellungskosten hat man etwas Einzigartiges geschaffen. Etwas zu entwickeln, dass immer wieder Arbeitsmarktimpulse setzt durch im Grunde kontinuierliche technische Probleme und sehr enge Wartungs- und Repararturintervalle – großartig. Ich kann da der Schilderung der Wikipediaseite nur zustimmen, die Welt [1] und Tagesspiegel [2] zitiert: „Volkwin Marg (* 15. Oktober 1936 in Königsberg, Ostpreußen) ist ein deutscher Architekt. Er gehört „zu den bedeutendsten Architekten der Gegenwart“[1] und hat es „als Architekt von Stadien zu weltweitem Ruhm gebracht.“[2]“

Es ist wunderbar, dass Kiel einem Schimmer dieses Glanzes teilhaftig werden konnte.

Kleiner Scherz am Rande: Eine Million DM kostete die Schubbrücke. Diese macht aber nix her: Sie ist preisgünstig, funktioniert sehr sicher und auch Reparatur und Wartung hielten sich in angemessenen und abschätzbaren Grenzen. Wie viel besser wäre Kiel gefahren, wenn man auf diesen „Ersatz“-Bau verzichtet hätte und All-In gegangen wäre? Man hätte 1 (EINE!) Million DM gespart und die Kieler Bevölkerung und auch Kiel-Besucher:innen wären wahrscheinlich dankbar gewesen, einmal um die Hörnspitze laufen zu dürfen. Was hätte das für enorme Gesundheitseffekte zur Folge gehabt? Und wie positiv hätte sich diese zusätzliche Entschleunigung auf das Lebensgefühl der Kieler:innen auswirken können? Manchmal fehlt unseren Entscheider:innen dann doch die letzte Konsquenz in ihrem Handeln.

Auch deswegen habe ich bestürzt diese Pressemitteilung des Kieler Rathauses zu Kenntnis nehmen müssen:

„(…)Ebenfalls ab Montag, 5. Oktober, ist das Tiefbauamt auf der Hörnbrücke im Einsatz: Die Dreifeldzugklappbrücke klappt seit Oktober 2025 nicht mehr und soll demnächst ausgebaut werden. Jetzt wird der Ausbau vorbereitet. Dafür ist es unter anderem erforderlich, die Klappbrücke zu schließen und wieder zu öffnen. Die Ersatzbrücke bleibt während der Arbeiten durchgehend in Betrieb. Das wird anders sein, wenn der bewegliche Teil der Klappbrücke Ende Oktober / Anfang November ausgebaut wird(…)“

Es bleibt zu hoffen, dass nach dem Ausbau die Vernunft im Rathaus obsiegt und dieses einzigartige Meisterstück von Bauwerk wieder eingebaut wird. Dann könnte in weiteren Jahrzehnten erkundet werden, ob man mit viel Geld etwas gelegentlich Funktionierendes schaffen kann, das es sonst so nirgends gibt.

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