Annette von Droste-Hülshoff: Am Bodensee

Annette von Droste Hülshoff
(* 10. oder 12. Januar 1797 auf Burg Hülshoff bei Münster bis † 24. Mai 1848 in Meersburg)

Am Bodensee

Über Gelände, matt gedehnt,
Hat Nebelhauch sich wimmelnd gelegt,
Müde, müde die Luft am Strande stöhnt,
Wie ein Roß, das den schlafenden Reiter trägt;
Im Fischerhause kein Lämpchen brennt,
Im öden Thurme kein Heimchen schrillt,
Nur langsam rollend der Pulsschlag schwillt
In dem zitternden Element.
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Gertrud Kolmar: Nachruf

Gertrud Kolmar
(geboren am 10. Dezember 1894 in Berlin; ermordet Anfang März 1943 in Auschwitz)

Nachruf

Ich werde sterben, wie die Vielen sterben;
Durch dieses Leben wird die Harke gehn
Und meinen Namen in die Scholle kerben.
Ich werde leicht und still und ohne Erben
Mit müden Augen kahle Wolken sehn,
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Maria Luise Weissmann: Gesammelte Dichtungen | Nachdichtungen | Blaise Cendrars | Sequenzen

Maria Luise Weissmann
(* 20. August 1899 in Schweinfurt bis † 7. November 1929 in München)
veröffentlicht in: Gesammelte Dichtungen. Mit 2 Photographien von Mary Hausner. Pasing bei München, Bachmair 1932. 199 S. Gesamtauflage 800 Exemplare.

Nachdichtungen

Blaise Cendrars

Sequenzen

I.

             „Asperges me, Domine, hyssopo . . . “
             Ps. L.

Die Kostbare war da, gebreitet und enthüllt,
Ihre Vergangenheit löste sie wie ihr Haar.
Ein nie erfahrner Duft bestürzte ihre Augen;
Und dennoch wagten ihre Hände nicht zu mir.
Ihr Leib rief hingebettet preisgegeben mir,
Gedämpft ein dunkelfließender Akkord in Moll,
Von Liebe rot bespült im Purpur ihrer Lippen,
Und dennoch wagten meine Hände nicht zu ihr.
Des Sehnsuchtsbleichen, meine Hände wagten nicht
Zu brechen ohne Furcht der Liebe düstern Mohn,
Gebrannt in die Vergangenheit wie in ihr Haar . . .
– Die Kostbare war da, gebreitet und enthüllt.
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Luise Büchner: Die Zürcher Glocken

Luise Büchner
(* 12. Juni 1821 in Darmstadt bis † 28. November 1877 in Darmstadt)

Die Zürcher Glocken

O, du wunderbarer grüner
See, im schönen Schweizerland,
Wie so lieblich sich die stolze
Zürich schmiegt an deinen Rand!
Hüben sanfte Rebenhügel
Hingestreut wie ein Idyll,
Drüben majestätsche Alpen,
Schneebedecket, ernst und still.
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Maria Luise Weissmann: Robinson | Robinson schreitet den Zaun eines Geheges ab

Maria Luise Weissmann
(* 20. August 1899 in Schweinfurt bis † 7. November 1929 in München)

Robinson

Robinson schreitet den Zaun eines Geheges ab

Weiß einer sonst, wohin die Zeit ihm schwand?
Fand er wie ich sie je versammelt wieder?
Dies ist der Zaun um ein betreutes Land.
Wie eine Schar von Vögeln ließ sich nieder
Mein Leben hier: ein Tag auf jedem Pfahl,
Und sie sind aufgereiht zu langen Jahren…
O seltsame Verwandlung! Aus der Qual
Sinnloser Fron muß ich zuletzt erfahren
Ein Glück. Verständlicher um wenig zwar
Als jene Last. Jedoch ein Glück. Als zeugte
Einst einem Fragenden der Zaun: Er war.
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Maria Luise Weissmann: Robinson | Robinson hat einen Traum

Maria Luise Weissmann
(* 20. August 1899 in Schweinfurt bis † 7. November 1929 in München)

Robinson

Robinson hat einen Traum

Was war der Traum? Ich kann mich nicht besinnen
Und seh ihn rings: Er blüht von jedem Strauch,
Die milde Kokosnuß verschließt ihn innen
Im Duft der Milch, ihn weiß die Schlange auch,
Die mich vorhin mit grünem Auge traf.
Wie seltsam ist die alte Hütte neu!
Ich fürchte mich vor dir, o fremder Schlaf,
Du Gast von weither, mächtig und nicht treu:
Du hast die Tat vollbracht, die ich nicht weiß,
Als wärst du ich. Nun um den Schritt zieht Scheu
Von Wissendem ringsum mir den verfehmten Kreis.
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Maria Luise Weissmann: Robinson | Robinson füttert sein Lamm

Maria Luise Weissmann
(* 20. August 1899 in Schweinfurt bis † 7. November 1929 in München)

Robinson

Robinson füttert sein Lamm

Hier sind nicht Städte mehr, die rufen: bau!
Nicht Wein auch, der betörte: komm und schlürfe!
Kein Trug der Sehnsucht um die fremde Frau
Und keiner Tat, daß sie mein Tun bedürfe.
Hier fand sich wieder weit versprengtes Sein
Kristallen, inselhaft, ein klar Gefüge
Aus mir und mir, ersehnt. Und doch zu rein,
Daß es der Ungeweihte reinlich trüge:

Er fing ein Lamm im Weidenkäfig ein
Und pflegt es, zärtliche, geliebte Lüge.
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