Johann Wilhelm Ludwig Gleim: An den Winter

Johann Wilhelm Ludwig Gleim:

An den Winter

Winter mit dem grauen Barte,
Mit den angefrornen Locken,
Willst du denn nicht einmal lachen?
Sind die Lippen zugefroren?
Komm herein, was stehst du draußen?
Komm herein, du sollst schon tauen.
Sieh! wie störrisch sind die Minen.
Bist du denn ein Feind der Freude?
Willst du meine Lust verdammen?
Gut! so will ich dich nicht bitten.
Aber sei nur immer störrisch,
Mache Felder, mache Fluren,
Mache Berg‘ und Täler traurig,
Mich sollst du nicht traurig machen.
Töte diese frische Lilgen,
Töte diese junge Rosen
Auf den jugendlichen Wangen,
Töte sie einmal zum Scherze;
Aber lass mir nur die Rosen
Auf den Wangen, auf den Busen
Meiner braunen Doris blühend:
Dann so soll sie dich beschämen,
Dann soll sie mit einem Kusse
Meinen halberstorbnen Wangen
Alle Rosen wieder geben;
Dann soll sie mit ihren Lippen
Meine Lippen schöner färben.
Alter! willst du’s selbst versuchen?
Komm! sie soll dich einmal küssen;
Dann sollst du, wir wollen wetten,
Bald dein Pelzwerk von dir werfen.
Dann sollst du vor Hitze dursten.
Komm! hier ist schon was zu trinken.

Marie Ebner-Eschenbach: Sommermorgen

Marie Ebner-Eschenbach

Sommermorgen

Auf Bergeshöhen schneebedeckt,
Auf grünen Hügeln weitgestreckt
Erglänzt die Morgensonne;
Die tauerfrischten Zweige hebt
Der junge Buchenwald und bebt
Und bebt in Daseinswonne.
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Hermann von Lingg: Frühlingsmorgen

Hermann von Lingg:

Frühlingsmorgen

Tief im Winter hör‘ ich’s gerne,
Eh‘ die Sonn‘ hervorgewallt,
Wie durchs Dunkel aus der Ferne
Eine Morgenglocke schallt.

Im August, wenn Donner rollen,
Freut mich’s wie die Windfahn‘ ächzt,
Und im Herbst, wenn auf den Schollen
Abends spät ein Rabe krächzt.

Doch was kann mein Herz erweitern
Wie der erste Finkenschlag,
Wie der Lerche Lied am heitern,
Wundervollen Frühlingstag?