Pressemitteilung der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein
Fliegende Zäune für die Vielfalts-Forschung im Moor
Erstmals transportiert eine Lastendrohne Zaunelemente in schwer zugängliche Moorgebiete
Anfang November wird es über den Mooren der Eider-Treene-Sorge-Niederung ziemlich ungewöhnlich: Eine große Lastdrohne hebt schwere Zaunelemente in die Luft und transportiert sie über nasse, schwer zugängliche Moorflächen. Ihr Ziel: insgesamt 30 kleine Versuchsflächen mitten im Moor.
Hier wollen Wissenschaftler*innen der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel herausfinden, welchen Einfluss Rothirsche auf die Artenvielfalt haben. Denn die imposanten Geweihträger sind nicht nur Bewohner unserer Moore, sondern möglicherweise auch wichtige Landschaftsgestalter und Samen-Taxis auf vier Beinen.
Anfang November ist die Lastendrohne in vier Moorgebieten in der Eider-Treene-Sorge-Niederung im Einsatz. Die Spezialist*innen der Firma Drone Safety aus Neumünster fliegen die Zaunelemente vom Rand des Moores zu den Untersuchungsflächen. Für die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein ist es das erste Mal, dass eine Lastendrohne für einen solchen Materialtransport zum Einsatz kommt. Die Technikeinsatz spart Zeit, schont die sensible Moorvegetation und reduziert die Störung im „Wohnzimmer“ der Rothirsche auf ein Minimum.
Eingezäunte Flächen dienen als Vergleichsflächen
Um herauszufinden, wie Rothirsche Moorlandschaften verändern, müssen die Tiere auf einigen kleinen Flächen draußen bleiben. Dafür errichten die Wissenschaftler*innen insgesamt 30 eingezäunte Versuchsflächen von jeweils sechs Mal sechs Metern. Jede Fläche wird mit acht Zaunelementen umzäunt. Direkt daneben bleiben vergleichbare Flächen offen und für Rothirsche zugänglich.
„Wir wollen herausfinden, was passiert, wenn Rothirsche im Moor unterwegs sind – und was sich verändert, wenn sie fehlen. Deshalb vergleichen wir über einen Zeitraum von vier Jahren die Pflanzenwelt innerhalb und außerhalb der Zäune“, erklärt Marcus Meißer, Wildtierökologe und Projektleiter des „MoorRotwildnis“-Projekts der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein.
Untersucht werden unterschiedliche Moorlebensräume: offene Moorheiden, Moorbirkenwälder, sowie feuchte ehemalige Grünflächen mit Sumpf und Niedermoorvegetation.
Rothirsche transportieren tausende von Arten durch die Landschaft
In Wirtschaftswäldern gelten Rothirsche häufig als Problem, wenn sie junge Bäume anknabbern. Im Naturschutz können genau diese Eigenschaften dagegen wertvoll sein. Mit ihren Hufen schaffen die Tiere kleine offene Bodenstellen. Durch ihren Appetit auf junge Bäumchen können sie Landschaften offenhalten. Und ganz nebenbei reisen Pflanzensamen mit ihnen durch die Landschaft – beispielsweise über ihre Losung, also den Kot der Tiere oder über ihr Fell.
So könnten Rothirsche auch zwischen voneinander getrennten Moorgebieten für mehr Austausch sorgen und Pflanzenarten bei ihrer Ausbreitung helfen. Was aus anderen Lebensräumen bereits bekannt ist, wurde in den Mooren bislang jedoch kaum untersucht.
„Rothirsche sind möglicherweise echte Vielfaltschützer auf vier Beinen. Wir möchten herausfinden, ob sie durch ihren Tritt, ihren Verbiss und den Transport von Pflanzensamen dazu beitragen, dass unsere Moore artenreicher werden“, sagt Kerrin Buschesenja, Projektmanagerin Vegetationskunde im Projekt „MoorRotwildnis“.
Was Hirsche hinterlassen
Die Versuchszäune sind nur ein Teil der wissenschaftlichen Begleitung im Projekt „MoorRotwildnis“. Die Forscher*innen der CAU Kiel untersuchen außerdem, wie stark Rothirsche junge Bäumchen verbeißen, welche Bedeutung ihre Wildwechsel haben und welche Moorpflanzen sich über ihre Losung verbreiten können.
Auch Insekten stehen im Fokus: Unter anderem beobachten Fachleute Laufkäufer und Heuschrecken, um herauszufinden, wie die Aktivitäten der Rothirsche hier einzelne Arten und Lebensräume beeinflussen.
Die Ergebnisse sollen zeigen, welche Rolle die großen Pflanzenfresser für die Entwicklung der Moorlandschaften spielen – und wie ihr Einfluss künftig beim Schutz und bei der Pflege dieser wertvollen Lebensräume berücksichtigt werden kann.
Hintergrund: Die Untersuchungen sind Teil des vom Bund geförderten Erprobungs- und Entwicklungsvorhaben (E+E) „MoorRotwildnis“ der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein. Ziel der wissenschaftlichen Begleitung ist es, neue Erkenntniss über das Zusammenspiel von Rothirschen, Moorvegetation und weiteren Artengruppen zu gewinnen. Im Rahmen des Hauptvorhabens werden dann Strategien entwickelt, wie die Rothirsche und ihre wichtigen ökologischen Funktionen auf Naturschutzflächen wieder in die Kulturlandschaft integriert werden können.