Maria Luise Weissmann: Ballade vom Namenlosen

Maria Luise Weissmann
(* 20. August 1899 in Schweinfurt bis † 7. November 1929 in München)

Ballade vom Namenlosen

Er lebte weil er geboren war,
Er fand keinen anderen Grund.
Die Mutter liebte ganz früh sein Haar,
Einmal Eine dann seinen Mund,
Doch war es nicht wichtig und verging
Auch schnell, bevor ers ermessen.
Alles in allem war so gering –
Er hatte als er zu sterben anfing
Sich schon seit Jahren vergessen.

Oskar Kanehl: Unterwegs

Oskar Kanehl
(* 5. Oktober 1888 in Berlin bis † 28. Mai 1929 in Berlin)

Unterwegs

Es reißt mich in Nacht.
Aus ihrem Schacht
in den Viehwagen winkt
der Mond leichenfarb.
Leuchtest mir zum frühen Tod.
Kameraden betäuben sich.
Lieder sind lauter als Schmerz.
Ein paar sind schon Tiere.
Aus Augen und Maul
speien sie Rauflust.
Mancher sitzt stumm
und bedenkt noch.
Oder gräbt sich
sinnlos ins Dunkel.
Wir fliegen über helle Bahnsteige
wo Landsturm Spionen lauert.
Über Flüsse und Städte.
Immer tiefer in Nacht.
Ich hab keine Mutter mehr.
Von meinen Brüdern weiß ich nichts.
Ich bin Soldat und werde Mörder sein.
Blut durchsickert mein Herz.
Blut und Blut.
Bis es stickt.

Oskar Kanehl: Sonnenuntergang

Oskar Kanehl
(* 5. Oktober 1888 in Berlin bis † 28. Mai 1929 in Berlin)

Sonnenuntergang

Die letzten weißen Wolkenflotten fliehen.
Der Tag hat ausgekämpft
über dem Meer.
Wie eine rote Blutlache liegt es,
in der das Land wie Leichen schwimmt.
Vom Himmel tropft ein Eiter, Mond.
Es wacht kein Gott.
In Höhlen ausgestochner Sternenaugen
hockt dunkler Tod.
Und ist kein Licht.
Und alles Tier schreit wie am jüngsten Tag.
Und Menschen brechen um
am Ufer

Anna Louisa Karsch: An den Wein

Anna Louisa Karsch
(* 1.12.1722 † 12.10.1791)

An den Wein

Wein! ich möchte dich bald haßen,
Ich bin deiner Allmacht feind,
Denn du willst mir meinen Freund
Immer nicht vom Becher lassen.
Du bist meiner Freuden Dieb,
Könnt ich dich doch ganz verachten.
Milon hat dich gar zu lieb,
Und mich läßt er schmachten. –
Loben wollt ich die Begier,
Wein zu trinken halbe Nächte,
Wenn mein Milon nur mit mir
Manchen Abend zechte;
Aber nun trinkt er den Wein
Mit den Männern ganz allein.
Ha ihr Männer, ha ihr Zecher,
Amor jag euch von dem Becher
Durch die Pfeile, die im Köcher
Aufgesammlet sind zur Pein
Aller Herzenbrecher.