Friedrich Güll: Geburtstag im Frühling

Friedrich Güll
(1812-1879)

Geburtstag im Frühling

Im Garten blühn schon ein Weilchen
Schneeglöckchen, Krokus und Veilchen.
Da hab ich nicht lang bedacht
und ein schönes Sträußchen zurechtgemacht.
Das bringe ich dir zum Geburtstagsfest.
Der Frühling dich schön grüßen läßt.
Er sagt mit allem Sonnenschein
kehrt er so gerne bei dir ein.
Damit dein neues Lebensjahr
sei sonnig, fröhlich, hell und klar.

Ferdinand Hardekopf: Baum

Ferdinand Hardekopf
(* 15. Dezember 1876 † 26. März 1954)

Baum

Zerdachter Turm,
Runenfels,
Furchensäule,
Gerieftes Bewusstsein:
Wagst Weite und Wolken, wie du willst,
Dich splitternd in die Nuancen,
In die Scheine deiner Dunkelheit.
Welchem Geiste gelänge solche Verzweigung,
Welcher Weisheit solche Verästelung,
Welchem Raffinement solche Zerblätterung?
Baum!
In zitternde Strahlen zerlegst du
Deine Nervosität.
Aber deine Äste leimt zart
Sphärenblauer Eiter des Mittags, zerschichtet von den kupfer-goldnen Telegraphenhaaren der Spinne.
Sehr absichtlich trägst du
Efeu, modernes Moos und die auffallende Lyrik einiger Vögel.
… Doch, bitte,
Bäume dich,
Und wehre dem Einkleid,
Zu bedrohen
Deine
Différenciation.

Emmy Hennings: Und nachts in tiefer Dunkelheit

Emmy Hennings
(* 17. Januar 1885 in Flensburg bis † 10. August 1948 in Sorengo)

Und nachts in tiefer Dunkelheit

Und nachts in tiefer Dunkelheit,
da fallen Bilder von den Wänden,
Und jemand lacht so frech und breit,
Man greift nach mir mit langen Händen.
Und eine Frau mit grünem Haar,
Die sieht mich traurig an
Und sagt, dass sie einst Mutter war,
Ihr Leid nicht tragen kann.
(Ich presse Dornen in mein Herz
Und halte ruhig still,
Und leiden will ich jeden Schmerz,
Weil man es von mir will.)