Maria Luise Weissmann: Das frühe Fest | Gebet der Kindheit

Maria Luise Weissmann
(* 20. August 1899 in Schweinfurt bis † 7. November 1929 in München)

Gebet der Kindheit

Es ist ein schwarzer Hund bei Nacht, Herr Jesus,
Der auf seinen Krallen die hölzerne Stiege abwärtsgeht.
Es ist ein weißer Schatten manchesmal, Herr Jesus,
Der früh am Wegrand an der Weide steht.
Heiland, die Blume, die ich dir gesät,
Ragt immer höher auf zu deinem Schein.
Du ziehst sie groß zu dir. Ich will ein Hirte sein,
Dann bin ich mit den Lämmern dir zusammen.
Die Küken sind ausgekrochen, aber dem einen fehlt ein Bein.
Die Mutter sagte vor deiner Kerze: Alle Flammen
Münden zu deiner großen Sonne ein.

Maria Luise Weissmann: Das frühe Fest. Gedichte.

(Verlinkte chronologische Liste aller Gedichte des Lyrik-Bandes)
Pasing bei München, Bachmair 1922. 43 S.
Die Gedichte entstanden von 1918 bis 1920.

Maria Luise Weissmann: Das frühe Fest | Gebet des taubstummen Knaben

Maria Luise Weissmann
(* 20. August 1899 in Schweinfurt bis † 7. November 1929 in München)

Gebet des taubstummen Knaben

Gott, der du schwer auf meiner Lippe ruhst,
Und ist kein Tun, das du nicht tust,
Du schläfst im Ohr mir diesen tiefen Schlaf.
Da ich dich unter Mandelbäumen traf,
Du gingst umhüllt von roten Blüten ganz.
Ich stand gebückt, ich losch in deinem Glanz,
Ich sank beschwert von deiner Pracht dahin.
Und ängste, Hoher, dem ich nahe bin,
Daß ich dir mehr entfernt und steinern werde –
Nimm doch, o Gott, mit deiner Glanzgebärde
Zurück den falschen Blick, der dich verkennt.
Aus dieser bunten Ferne, die dich trennt,
O kehre zur erloschnen Höhle gnädig ein!

Wie dunkeln Krug erfüllend fließt ein Wein.

Maria Luise Weissmann: Das frühe Fest. Gedichte.

(Verlinkte chronologische Liste aller Gedichte des Lyrik-Bandes)
Pasing bei München, Bachmair 1922. 43 S.
Die Gedichte entstanden von 1918 bis 1920.