Maria Luise Weissmann: Das frühe Fest | Kindheit

Maria Luise Weissmann
(* 20. August 1899 in Schweinfurt bis † 7. November 1929 in München)

Kindheit

Ein glasgeschnittner Würfel füllte das Zimmer
Sobald es wieder Abend war, den trug
Er oft und stand umtaut von Schimmer.
Draußen ging dunkler Vögel schwerer Flug
Flatternd vorbei und war wie kühles Wehn
Um seine Stirne. Manchmal, wunderbar,
Blieben die fremden Lieder um ihn stehn
Und eine Blume sang in seinem Haar.
Oft schlich er scheu, gebückt in dumpfer Last,
Und sah sich wie ein Feuer, das entlohte.
Augen waren ihm Qual und tief verhaßt,
Der Wald rief ihn, und war doch fremd, und drohte:
Geweih des Hirsches, der weiß im Dunkel stand,
Wollte ihn tragen. Doch der Ast erhob
In bösem Schlage die verkrümmte Hand.

Maria Luise Weissmann: Das frühe Fest. Gedichte.

(Verlinkte chronologische Liste aller Gedichte des Lyrik-Bandes)
Pasing bei München, Bachmair 1922. 43 S.
Die Gedichte entstanden von 1918 bis 1920.

Pfütze für Kinderspiel
Kinderspiel

Sophie Mereau: Die Nachtigall

Sophie Mereau
(* 27. März 1770 in Altenburg – † 31. Oktober 1806 in Heidelberg)

Die Nachtigall

Kalt ist der Morgen und trüb‘, es tönt durch die bebenden Zweige
nur der Nachtigall Lied mild in dem brausenden Sturm;
wunderbar lauschet der Hain: so tönt durch die Stürme des Lebens
nur der Liebe Accent, alles verklärend, hindurch.

Francisca Stoecklin: Schnee

Francisca Stoecklin
(* 11. September 1894 † 1. September 1931)

Schnee

Schnee, zärtliches Grüßen
der Engel,
schwebe, sinke –
breit alles in Schweigen
und Vergessenheit!
Gibt es noch Böses,
wo Schnee liegt?
Verhüllt, verfernt er nicht
alles zu Nahe und Harte
mit seiner beschwichtigenden
Weichheit, und dämpft selbst
die Schritte des Lautesten
in Leise?
Schnee, zärtliches Grüßen
der Engel,
den Menschen, den Tieren! –
Weißeste Feier
der Abgeschiedenheit.

Margarete Beutler: Nach der Weinlese

Margarete Beutler
13. Januar 1876 – 3. Juni 1949

Nach der Weinlese

Nun stehn die kleinen Pforten alle offen,
die talwärts zu den Rebenhängen führen!
Kein Wächter eilt, sie nächtens zu verschließen.
Der Wächter Amt ist aus. Sie schwelgen wohl
im jungen Wein bereits und reden trunken…
Die Reben aber, ihres Schmucks beraubt,
der Schwere und der Süße ihrer Trauben,
entsenden Blatt für Blatt zur Erde wieder
und kräuseln müde ihre dürren Ranken.
Wie Frauen, deren Haare alternd bleichen,
die niemand mehr sich Mühe gibt zu hüten,
weil keine Süßigkeit gefährdet ist
und keiner Frucht mehr Räuber schändend nahen,
so liegen sie an den verlassnen Straßen
im Moderkranz der fahlen Lauben da,
und selbst die kleinen Wasser wandern träger
dem großen Strom der breiten Tale zu.