Selma Merbaum: Ich bin die Nacht

Selma Merbaum
(* 5. Februar 1924 in Czernowitz, Rumänien/Ukraine bis † 16. Dezember 1942 im Zwangsarbeitslager Michailowka, Rumänien/Ukraine)

Ich bin die Nacht

Ich bin die Nacht. Meine Schleier sind
viel weicher als der weiße Tod.
Ich nehme jedes heiße Weh
mit in mein kühles, schwarzes Boot.

Mein Geliebter ist der lange Weg.
Wir sind vermählt auf immerdar.
Ich liebe ihn, und ihn bedeckt
mein seidenweiches, schwarzes Haar.

Mein Kuss ist süß wie Fliederduft –
der Wanderer weiß es genau…
Wenn er in meine Arme sinkt,
vergisst er jede heiße Frau.

Meine Hände sind so schmal und weiß,
dass sie ein jedes Fieber kühlen,
und jede Stirn, die sie berührt,
muss leise lächeln, wider Willen.

Ich bin die Nacht. Meine Schleier sind
viel weicher als der weiße Tod.
Ich nehme jedes heiße Weh
mit in mein kühles, schwarzes Boot.