Francisca Stoecklin: De Profundis

Francisca Stoecklin
(* 11. September 1894 Basel bis † 1. September 1931 Basel)

De Profundis

Müd irren wir durch die Stadt in Nacht.
Frierend, weh aneinander geschmiegt
In der Laternen traurigem Gestirn.
Immer schrillt aus der Pinte Musik Verzweiflung,
Dass unser Blut zu weinen anfängt
Und die Seelen erzittern.
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Francisca Stoecklin: Schnee

Francisca Stoecklin
(* 11. September 1894 Basel bis † 1. September 1931 Basel)

Schnee

Schnee, zärtliches Grüßen
der Engel,
schwebe, sinke –
breit alles in Schweigen
und Vergessenheit!
Gibt es noch Böses,
wo Schnee liegt?
Verhüllt, verfernt er nicht
alles zu Nahe und Harte
mit seiner beschwichtigenden
Weichheit, und dämpft selbst
die Schritte des Lautesten
in Leise?
Schnee, zärtliches Grüßen
der Engel,
den Menschen, den Tieren! –
Weißeste Feier
der Abgeschiedenheit.

Francisca Stoecklin: Die Verlassene klagt

Francisca Stoecklin
(* 11. September 1894 Basel bis † 1. September 1931 Basel)

Die Verlassene klagt

Ich liege ausgehöhlt und leer,
Man hat mich weggeworfen,
Die Erde ist so hart und schwer,
Ich habe keine Tränen mehr.
Doch einstmals liebte ich dich sehr,
Da konnte ich noch weinen,
Da glich ich nicht den Steinen.
Will keine Sonne scheinen
In meine Dunkelheit?
Einst war es mir, als rief er,
Doch klang es viel zu weit,
Und niemand kann mich halten.
Jetzt fall ich immer tiefer
Aus der Zeit
In die Falten
Der Unendlichkeit.

Francisca Stoecklin: Seele der Liebenden

Francisca Stoecklin
(* 11. September 1894 Basel bis † 1. September 1931 Basel)

Seele der Liebenden

Einmal schon liebte ich dich
Und das Meer, das Meer.
Doch lichter waren damals
Die Seelen, ungetrübt
Von dunklen Taten.
Es sangen unsere Liebe
Strahlend die Sterne,
Und das Meer, das Meer.
Wie viel hundert Jahre
Sind seitdem vergangen,
Wie viel Leiden und Tode
Und Sterne. Wo blieben
Die Seelen so lange?
Wir halten uns schweigend
Die schauernden Hände.
Wir blicken uns tief
In die fragenden Augen.
Noch singen die Sterne
Und das Meer, das Meer.
Aber unfassbar ewig
Ist die Vergangenheit
Der menschlichen Seele.