Bess Brenck-Kalischer: Verwunschene

Bess Brenck-Kalischer
(* 21. November 1878 in Rostock bis † 2. Juni 1933 in Berlin)

Verwunschene

In den Armen der Mühle hängen die bleichen Verwunschenen
Drehen langsam den Stein des Brotes,
Unendlich geduldig.
Rings im Lande jagen die Prasser,
Aber die bleichen Verwunschenen
Mahlen unendlich geduldig das Korn.
Fängt ein Sturm ihre langen Ärmel
Sinken sie stumm in die heilige Erde.
Schicken von neuem bleiche Gesellen
Den Armen der Mühle
Geduldig, unendlich,
Verwunschen.

Maria Luise Weissmann: Das frühe Fest | Der Kranke

Maria Luise Weissmann
(* 20. August 1899 in Schweinfurt bis † 7. November 1929 in München)

Der Kranke

Manchmal hebe ich meine Hände von der Decke ins Licht.
Nicht lange, denn sie sind schwer; und sehe wie das Licht
Sie umflicht mit einem roten Geäst von Blut.
Ich fühle eine fremde Wärme, die mir nicht wehe tut,
Mich in einen milden Schlafschleier spinnen.
Alle Menschen kommen und gehn und sind gut.
Sie sagen: ich leide. Doch ich vergaß das. – Leid? –
Ich kann mich dunkel immer nur auf eins besinnen:
Irgendwo in der Ferne vergeht die Zeit.
Irgendwo in der Ferne muß mein Leben verrinnen.

Maria Luise Weissmann: Das frühe Fest. Gedichte.

(Verlinkte chronologische Liste aller Gedichte des Lyrik-Bandes)
Pasing bei München, Bachmair 1922. 43 S.
Die Gedichte entstanden von 1918 bis 1920.

Maria Luise Weissmann: Das frühe Fest | Ebene Landschaft

Maria Luise Weissmann
(* 20. August 1899 in Schweinfurt bis † 7. November 1929 in München)

Ebene Landschaft

Die Erde kam, ein grauer Strom, geflossen.
Kein Damm, der ihre Flut zusammenhält,
Sie hat sich über Berg und Tal und Haus ergossen.
Fern, wo ein schmaler Strich den Horizont erhellt,
Ein Baum. Entwurzelt. Der ins Leere fällt.

Maria Luise Weissmann: Das frühe Fest. Gedichte.

(Verlinkte chronologische Liste aller Gedichte des Lyrik-Bandes)
Pasing bei München, Bachmair 1922. 43 S.
Die Gedichte entstanden von 1918 bis 1920.

Margarete Beutler: Die Puppe

Margarete Beutler
* 13. Januar 1876 in Gollnow bis † 3. Juni 1949 in Gammertingen

Die Puppe

Liebe Puppe,
wohlfrisierte kleine Puppe,
wie hast du es leicht!
Du wendest das Köpfchen
nach rechts und nach links,
du lächelst, du schmollst,
du weinst, du lächelst,
und wenn man dich aufzieht
am Knopf des Gefühlchens,
des einzigen kleinen
dir eignen Gefühlchens:
Der Liebe zu dir,
zu dir, kleine Puppe,
so tänzelst du zierlich
und neigst dich dankend
dem Schwarm deiner Freunde
und äugst unter seidnen
gebogenen Wimpern,
ob du ihn nicht siehst,
den schmerzlich ersehnten,
ergebenen Diener,
der an dem Knöpfchen
des einen Gefühlchens
dich liebevoll aufzieht
bis an dein Ende,
dein Puppenende…
Wir aber, entartet
und vielfach geschmäht,
wir andern, wir Ernsten,
wir Dunklen, wir Schweren,
wir Trägerinnen
geheimen Wissens,
wir Deuterinnen
uralter Runen,
wir keuchen und brechen
fast unter der Last
des gnädigen Schicksals,
das sie uns gab,
unsre sehende Seele,
von der du nichts weißt. –
O liebe Puppe,
wohlfrisierte kleine Puppe,
wie hast du es leicht!

Maria Luise Weissmann: Das frühe Fest | Der Sterbende

Maria Luise Weissmann
(* 20. August 1899 in Schweinfurt bis † 7. November 1929 in München)

Der Sterbende

Die Grenzen fallen ab von mir, ich ward
Ganz unermeßlich Hingegebener.
Und so mir tief und brüderlich vertraut
Atmen in mir die fernen Dinge
Und decken mich mit aller Nähe zu.
Oh starre Hülle Abgeschiedenheit,
Die endlich wie ein schwerer Traum entglitt!
Daß ich nun weiß: wenn dann der Abend fällt,
Bricht er in mich so tief wie in die Wälder ein.

Maria Luise Weissmann: Das frühe Fest. Gedichte.

(Verlinkte chronologische Liste aller Gedichte des Lyrik-Bandes)
Pasing bei München, Bachmair 1922. 43 S.
Die Gedichte entstanden von 1918 bis 1920.

Maria Luise Weissmann: Das frühe Fest | Die Einsamen

Maria Luise Weissmann
(* 20. August 1899 in Schweinfurt bis † 7. November 1929 in München)

Die Einsamen

Uns sind der Häuser viele umgestellt.
Die goldenen Gemache blenden manchmal
Der großen Feste, manchmal verweilt
Um uns die Zelle, die Klause des Eremiten,
Leise bei Nacht.
Wir stehen oft
Aufgang ist unserm Blick das Gestirn,
Weite herbergt uns kühl. Schließt dann der Tag
Brennend in Liebe uns ein, wir bestehn
Schweigend. Öfters im Abend doch furchen
Angstüberschreckt unsre kindlichen Stirnen sich tiefer.

Maria Luise Weissmann: Das frühe Fest. Gedichte.

(Verlinkte chronologische Liste aller Gedichte des Lyrik-Bandes)
Pasing bei München, Bachmair 1922. 43 S.
Die Gedichte entstanden von 1918 bis 1920.

Maria Luise Weissmann: Das frühe Fest | Die Gezeichneten

Maria Luise Weissmann
(* 20. August 1899 in Schweinfurt bis † 7. November 1929 in München)

Die Gezeichneten

Auf ihrem Haupt stand früh der Stern, vergilbt und äschern;
Aber dann blieb durch Jahre alles ungeschehn.
Fast schon glichen sie Jenen, die unter Sonnen gehn.
Nur daß manchmal die Angst – wie Angst vor Häschern
Dem Fliehenden – an ihre Ferse sprang…
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