Maria Luise Weissmann
(* 20. August 1899 in Schweinfurt bis † 7. November 1929 in München)
Jugend des Propheten
Ich liebte Linnen und die sanften Seiden
Strich meine Hand mit Lust. ER flüsterte:
„Das harte Fell des Hirsches wird dich kleiden.“
Ich saß beim Mahle und mein Blick war Schein
Des gelben Weins. Er sagte laut und hell:
„Die bittre Wurzel wird dir Speise sein.“
Mein Schloß war fest… Und als ich mich gerettet
Noch zu der höchsten Zinne, rief Er dort:
„O guter Schlaf, auf Dorn und Stein gebettet!“
Ich lag bei ihr. In ihrer Brüste Bucht
Träumt ich den Heimat-Traum. Er hat gewußt,
Ich würde einsam gehen und verflucht.
So brach ich auf. Denn daß ich ihm geglaubt,
Zwang mich sein unbesiegbar sichres Wissen.
Groß hing sein Lächeln über meinem Haupt.
Maria Luise Weissmann: Imago. Ausgewählte Gedichte.
(Chronologische Link-Liste aller Gedichte des Lyrik-Bandes)
Hrsg. mit einem Nachwort von Heinrich F.S. Bachmair, Starnberg.
Bachmair, Starnberg 1946 (1929). 108 S.
Aus dem Nachlass, entstanden 1922-1929, Erstdruck in: Gesammelte Dichtungen.