Margarete Beutler: Leb’ wohl, Bohème!

Margarete Beutler
* 13. Januar 1876 in Gollnow bis † 3. Juni 1949 in Gammertingen

Müde ward ich nunmehr der Torheit in dunstigen Schenken,
Und ich frage mich oft: Wie nur ertrugst du den Lärm,
Wie ertrugst du so lang die Luft jener stickigen Stuben,
Wo in Becher der Lust heimliche Tränen gemischt?
Und der emsigen Schar auf flinken Schiffen vergleichbar,
Die in eilender Hast giftigen Küsten entflieht,
Und ihr kostbarstes Gut in reinere Lande sich rettet,
Segelt ballastbeschwert – Sehnsucht geht mit ihm an Bord,
Liebe kürzt ihm den Weg – das tüchtige Volk der Gedanken,
Den Gefilden des Geists dürstend und hoffnungsvoll zu:
Dort in Ehrfurcht gesellt dem einen, dem anderen Meister
Atmet es freiere Luft, sieht es ein würdiger’ Ziel!

Novalis: Die Milbe

»Nichts ist gewisser«, sprach eine Milbe zu der andern, »als daß unser Käse der Mittelpunkt des erhabnen Weltsystems ist und daß wir die besondern Lieblinge des Allmächtigen sind, weil er uns die vollkommenste Wohnung erschuf.« »Törin«, sprach ein Mensch, indem er sie mit ihrem Käse verschlang. »Du denkst, wie viele meiner Brüder denken, du auf deinem Käse, sie auf den Ihrigen.«

Ludwig Uhland: Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste, Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Ludwig Uhland: Die Malve

Wieder hab ich dich gesehen,
Blasse Malve! blühst du schon?
Ja! mich traf ein schaurig Wehen,
All mein Frühling welkt davon.
Bist du doch des Herbstes Rose,
Der gesunknen Sonne Kind,
Bist die starre, düftelose,
Deren Blüten keine sind.

Gerne wollt‘ ich dich begrüßen,
Blühtest du nicht rosenfarb,
Lögst du nicht das Rot der Süßen,
Die noch eben glüht‘ und starb.
Heuchle nicht des Lenzes Dauer!
Du bedarfst des Scheines nicht;
Hast ja schöne, dunkle Trauer,
Hast ja weißes, sanftes Licht.