Maria Luise Weissmann
(* 20. August 1899 in Schweinfurt bis † 7. November 1929 in München)
Das Gottesauge
Der Polizeibericht nannte ihn einen Gewerbetreibenden. Aber er hatte die Schlüssel seines kleinen und armseligen Lädchens in der Vorstadt schon vor zwei Jahren einem Nachfolger übergeben und der sie wieder dem seinen; denn es war kein Geschäft zu machen in dieser Gegend zwischen den Filialen der großen und angesehenen Firmen, die so billig waren. So daß, wenn der Sechsundsechzigjährige von der Schlafstelle, die er bei entfernten Verwandten innehatte, die Straße entlang kam, den einen Fuß nicht vom Pflaster erhebend, sondern in einem leise schlurrenden Geräusch vor sich hinschiebend, denn die Kniekehle schmerzte unter einer ständigen Entzündung: daß er da also nicht einmal wußte, wer hinter der Tür mit den von ihm dort einmal angenagelten, nun abgestoßenen Emailschildern, wer hinter dem Ladentisch das Mehl auswog und die Bonbons für zwei oder drei Pfennig in die schmierigen Hände der Kinder schob.
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