Maria Luise Weissmann
(* 20. August 1899 in Schweinfurt bis † 7. November 1929 in München)
Notizen
4. III. 29
Wenn ich Florian etwa zufällig am Vormittag getroffen, ihm die Hand geschüttelt und von der Bedeutung dieses Tages, der Bedeutung des vierten März des Jahres 1929 für ihn gesprochen hätte, ja, aber das war eben im Grund das Unmögliche bei der Geschichte. Denn Florian wußte nichts von dieser Bedeutung, er hatte keine Ahnung davon, ich übrigens ebensowenig, gewiß nicht, wie sollte ich auch. Aber es fiel mir so ein: „Florian,“ hätte ich etwa sagen können, „es ist für diese frühe Jahreszeit ein selten schöner und warmer Tag. – Ein seltener Tag, Florian.“ – „Selten?“ hätte Florian dann gefragt, etwas erstaunt. „Ich kann es durchaus nicht finden. Es ist einer dieser vielen Tage, im Gegenteil, wissen Sie,“ aber er lächelt dabei und darum weiß ich, daß es einer der vielen schöneren Tage ist, den er meint. „Sehen Sie,“ fährt er fort, „da steht man auf,“ und er reckt ein wenig die Arme. Er lächelt wieder mit seinem etwas jungenhaften Lächeln, das ihm gut steht; zwei kleine Mädchen, die vorübergehen, schenken ihm einen zärtlichen Blick. „Man steht auf, man wäscht sich, zieht sich an – es gehört viel Geduld dazu, wenn man weiß, daß man es immer wieder von Neuem tun wird, morgen, übermorgen, immerzu… Man frühstückt, liest die Zeitung, – wer übrigens, glauben Sie, hat Daisy umgebracht?“ Und er entwickelt mir eine spitzfindige Vermutung in Zusammenhang mit einem Kriminalroman, der eben im Feuilleton der Zeitung läuft, und den die ganze Stadt mit Hingabe verfolgt. „Ich weiß es nicht, Florian,“ sage ich, etwas zu gleichgültig vielleicht, denn er schweigt einen Augenblick enttäuscht. Ich möchte ihm gerne etwas anderes sagen, etwas, das mit dem Datum dieses Tages zusammenhängt. Aber ich fange es denkbar ungeschickt an. Er sieht mir einen Augenblick nachdenklich ins Gesicht. Er denkt, ich sei ein wenig sonderbar, gleichviel; man soll nicht allzu kritisch sein, Mitmenschen gegenüber.
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