Brasilien: Neues Waldgesetz zerstört Regenwald

Protestaktion von Rettet den Regenwald
Immer wieder hat der bekannte brasilianische Regenwaldschützer Joao Claudio Ribeiro da Silva vor den verheerenden Folgen des neuen Waldgesetzes gewarnt. Er leitete Bildungsseminare zum Schutz der Natur und prangerte vehement den Einfluss der Agrarlobby an. Da Silva konnte seinen Kampf nicht erfolgreich beenden – der Umweltschützer und seine Frau wurden am selben Tag ermordet, als das Parlament für die Änderung des Gesetzes stimmte.

Das Waldgesetz (Código Florestal) ist ein Kernelement des Naturschutzes in Brasilien. Seit 1965 spielt es eine wichtige Rolle zur Erhaltung der Wälder Amazoniens, der Küstenregenwälder und anderer artenreicher Ökosysteme, wie z.B. den Savannen des Cerrado und Caatinga.

Seit Jahren versucht die Agrarlobby das Gesetz zu ihren Gunsten zu ändern. Die Schutzzonen für Wald- und Feuchtsavannengebiete sollen verkleinert werden, um Böden für die industrielle Landwirtschaft zu gewinnen. Im brasilianischen Parlament leisteten die Lobbyisten ganze Arbeit und setzten ihre Forderungen durch.

Unter anderem sieht das neue Waldgesetz eine Amnestie für illegale Rodungen vor. Das erklärt die extrem gestiegenen Abholzungsquoten der letzten Monate im brasilianischen Amazonas. Wie Satellitenbilder des Institutes für Weltraumforschung (Inpe) beweisen, stieg zwischen August 2010 und April 2011 die Waldzerstörung allein im Bundesstaat Mato Grosso um 43 Prozent. „Diese Bilder zeigen nur, was uns in den kommenden Jahren erwarten wird.“ sagt Dr. Christoph Knogge, der die Auswirkungen von Waldvernichtung auf die Ausbreitung von Tieren in Brasilien untersucht hat. Die Präsidentin des Landes Dilma Rousseff hat in ihrem Regierungsprogramm versprochen, dass die Regenwälder geschützt und die Abholzer vor Gericht gestellt werden.

Zur Disposition stehen die beiden bisherigen Säulen des Código Florestal. Die „Gebiete dauerhaften Schutzes“ (APPs) und die „gesetzlichen Naturschutzgebiete“ (RLs).

APPs sind vor allem Waldflächen an Steilhängen und an Flussufern, die Bodenerosion und Überschwemmungen verhindern sollen. Ein bewaldeter Gürtel von mindestens 30 Metern an Flussufern schrieb das Gesetz bisher vor. Nun soll die natürliche Vegetation entlang von Flussläufen halbiert werden. „Obwohl wissenschaftliche Arbeiten bereits zeigen, dass selbst die bisherigen Richtwerte weit unter dem liegen, was für den Erhalt der Biodiversität notwendig wäre.“, kritisiert Dr. Knogge, Wissenschaftler des Helmholtz Zentrum für Umweltforschung (UFZ).

RLs sind landwirtschaftlich genutzte Zonen in bewaldeten Gebieten. Wenn diese direkt im Regenwald liegen, müssen nach bisheriger Gesetzeslage 80 Prozent der Bewaldung erhalten bleiben. Befindet sich die landwirtschaftliche Zone in einer Savannenregion, müssen immerhin noch 35 Prozent der Bäume stehen bleiben. Die RL – Schutzzonen sollen nun auf 50 bzw. 20 Prozent reduziert werden. Hierbei sind eine halbe Million Quadratkilometer an Waldfläche bedroht.

Weitere angestrebte Veränderungen sehen vor, dass Farmen bis 440 Hektar ganz aus den Bestimmungen zu den RLs fallen und komplett gerodet werden dürfen. Experten befürchten, dass Großgrundbesitzer ihr Land aufteilen werden, um den Bestimmungen des Forstgesetzes ganz zu entgehen. Dr. Knogge warnt vor: „Katastrophalen Konsequenzen für Biodiversität und Ökosysteme sowie einem ungeheuren Anstieg der CO² Emissionen.“

Befürworter der Gesetzesnovellierung argumentieren, dass sich das aktuell gültige Waldgesetz nicht auf wissenschaftliche Daten stütze und eine Weiterentwicklung der Landwirtschaft behindere. Die Brasilianische Akademie der Wissenschaften (Academia Brasileira de Ciências – ABC) als auch die Brasilianische Gesellschaft für wissenschaftlichen Fortschritt (Sociedade Brasileira para o Progresso da Ciência – SBPC) widersprechen dieser Argumentation und zeigen in Studien, dass das bisherige Waldgesetz sowohl ökologisch als auch ökonomisch sinnvoll ist. Zudem, so die beiden Forschungsinstitute, ließe sich die landwirtschaftlich nutzbare Fläche auch ohne Rodungen verdoppeln, wenn moderne Technik eingesetzt würde.

Rettet den Regenwald fordert den brasilianischen Senat auf, gegen die Gesetzesnovellierung des Código Florestal zu stimmen. Auch die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff soll das Gesetz mit ihrem Vetorecht ablehnen. Die Regenwälder Brasiliens, mit ihrem globalen Wert für Menschheit und Klima, dürfen nicht dem Interesse der Agroindustrie geopfert werden.

Textdokumentation der Protest-E-Mail

Presidente da República do Brasil
Dilma Vana Rousseff
Palacio da Alvorada
SPP Zona Cívico-Administrativa
Brasília, 70150-000, Brazil

Sehr geehrte Präsidentin Rousseff,

mit großem Unverständnis hörte ich von der Zustimmung des brasilianischen Parlaments, den Código Florestal zu novellieren. Ich möchte Sie bitten, in Ihrer abschließenden Entscheidung die erheblichen negativen Folgen der Gesetzesnovellierung auf die Umwelt zu bedenken.

Die Lockerungen der Bestimmungen der “Áreas de Proteção Permanente” (kurz APPs) und der “Reserva Legal” (kurz RL) sowie die Amnestie von illegalen Abholzungen konterkarieren die bisherigen Bemühungen und Erfolge der brasilianischen Regierung in Bezug auf den Schutz des Regenwaldes in Amazonien. Sollte die Novellierung in Gesetzesform gegossen werden, dann droht ein erheblicher Anstieg der Abholzungsquoten.

Die zu erwartende Steigerung der Einschlagrate hätte erhebliche Auswirkungen auf die Ökosystemfunktionen, von denen auch die Bevölkerung und das Weltklima abhängen.

Die Aufweichung der Umweltschutzverordnungen in den APPs kann ebenfalls dramatische Folgen mit sich bringen. Der natürliche Bewuchs an Hängen schützt vor Bodenerosion. Erst im Januar 2011 erlebte Brasilien durch riesige Erdrutsche nach tagelangen Regengüssen eine der schwersten Naturkatastrophen in der Geschichte des Landes.

Der Regenwald zeichnet sich außerdem durch seinen Artenreichtum aus. Der Verlust von Waldflächen bedeutet, dass unzählige Tierarten ihren Lebensraum verlieren. Geschlossene Ökosysteme werden gewaltsam aufgebrochen und alle dazugehörigen Lebewesen werden der Vernichtung ausgesetzt.

Der Amazonasregenwald ist ein Kohlenstoffspeicher von globaler Bedeutung. Stark reduzierter Wald kann diese Funktion nur noch eingeschränkt erfüllen. Die durch Abholzung freigesetzten und nicht mehr speicherbaren Treibhausgase wirken sich negativ auf das weltweite Klima aus. Die Entscheidung über die Novellierung des Código Florestal hat somit auch eine globale Dimension.

Die renommierten Bildungsinstitute Ihres Landes, die Sociedade Brasileira para o Progresso da Ciência – SBPC und Academia Brasileira de Ciências – ABC, warnen ebenfalls vor den Folgen der Gesetzesnovellierung. Die Maßnahmen der geplanten Novellierung stellen nicht mehr Fläche für eine weitere Expansion der brasilianischen Landwirtschaft zur Verfügung. Stattdessen zeigen die Forschungseinrichtungen auf, dass eine Verdopplung der Agrarflächen auch ohne Waldrodung möglich ist, wenn nur vorhandene technische Mittel effektiv eingesetzt würden.

In Anbetracht der oben aufgeführten Bedenken über die Folgen der Novellierung des Código Florestal bitte ich Sie eindringlich, die Gesetzesreform mittels Ihres Vetorechtes abzulehnen. Opfern Sie nicht den größten Naturschatz Ihres Landes mit seiner globalen Bedeutung für die Interessen einiger weniger.

Hochachtungsvoll,

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